Seit dem Ende der 18. Dynastie entstanden in Nubien eine Reihe von Felsentempeln, meist lange, von Pfeilern gestützte Galerien mit dem Allerheiligsten tief im Felsen, die Tempelvorderglieder aber freistehend davor gesetzt, wie beispielsweise in Bet el-Wali, oder noch betonter in Wadi es-Sebua für Amun-Re, wo fast der gesamte Tempel mit Hypostylhalle draußen, und nur das Sanktuar selbst im Felsen liegt, während im Tempel von Ed-Derr aufgemauerte und in den Pels getriebene Räume sich etwa die Waage halten. Alle genannten Tempel stammen von Ramses II., in denen er dynastisch-kultisch sich selbst, als den Göttern gleichgestellt, huldigt, es waren vielleicht heilige Rastplätze für die Amun-Barke, wenn sie nach Abu-Simbel reiste. Abu Simbel schließlich wurde vollständig in den anstehenden Pels getrieben, ein Novum und gleidizeitig der Höhepunkt ramessidischer Bauten in Nubien (Farbt. 30; Abb. 211-216).
Dennoch ist audi dieser Tempel >vollständig< im Sinne des überlieferten Schemas: vor dem Tempel ein Vorplatz, den man durch zwei Pylone von Norden oder Süden her betreten konnte, seitwärts also, damit der Blick zum Nil frei blieb. Beiderseits begrenzte eine fundierte Ziegelmauer die Hofseiten. Erhöht lag eine Plattform mit Ballustrade und abwechselnd zwanzig Osiris- oder Falkenfiguren symmetrisch rechts und links der Mitteltreppe verteilt. Dahinter erhebt sich die geböschte Tempelfassade in der stilisierten Form eines Pylons, dessen Tor deshalb, wie üblich, von vier Kolossalfiguren bewacht wird. Als offener Säulenhof des freistehenden Tempels fungierte die anschliefiende 17 m tiefe Halle, die seitwärts, und den Mittelgang flankierend, je vier Osiris-Pfeiler einfassen, ganz ähnlich dem Hof vom Tempel des Ramses III. in Karnak. Dann folgt ein vierpfeileriges Hypostyl, von dem nach hinten das Sanktuar mit dem Sockel für die Götterbarke abgeht, zwischen den Kapellen für die Nilgötter. An die Stelle der Nebenkammern treten, an beiden Tempelseiten aus statischen Gründen ungleich verteilt, acht Seitenkammern, deren Boden niedriger liegt als der der Mittelsäle, in denen der Fußboden leicht ansteigt bei gleichzeitiger Senkung der Deckenhöhen in Richtung zum Sanktuar.
Die Lage der Tempel war so gewählt, daß bei Nilhochstand die Götterbarken unmittelbar am Eingang des kleinen Tempels, dem am niedrigsten plazierten aller nubischen Heiligtumer, anlegen konnten und die Sonne zweimal im Jahre, am 20. Februar und am 20. Oktober, bis in den hintersten Teil des Tempels dringen und auf den Altar zu Füßen der Götterbilder des großen Tempels fallen konnte (Abb. 213).
Am 21. Mai 1965 wurde der zwölf Tonnen schwere Block GA iAoi, der erste aus dem zersägten Felsen von Abu Simbel gehoben, mehr als 120000 andere folgten ihm in den nächsten Jahren – bis dann 1968 endlich die letzten Steine von 320000 Kubikmetern Schuttmaterial über die geretteten, und an einem erhöhten Platz wiederaufgebauten Tempel gesamttet wurden und damit eines der gigantischsten Projekte unserer Zeit glücklich beendet war, die Umsetzung der beiden Ramses-Tempel, 180 m landeinwärts und 64 m oberhalb ihres ursprunglichen Standortes. Zweifellos war die alte Lage so direkt am Wasser malerischer, aber dies ausgenommen, wurden bis in kleinste Details und millimetergenau die gesamten Bauwerke so gekonnt umgesetzt, daß man heute kaum noch Trennfügen, überhaupt keine statisch notwendigen Beton- oder Stahlstützen oder sonstige tedmische Notwendigkeiten finden wird.
Sicherlich in der Zeit seines 26. bis 34. Regierungsjahres ließ der König zuerst den kleinen Tempel für seine Frau Nofretari (Abb. 212) und später erst seinen großen (Abb. 211) errichten. Außer der Frommigkeit und Selbstverherrlichung hatten beide Tempelbauten in Nubien, so weit entfernt von der Residenz in Tanis, auch wirtschaftlichen und machtpolitischen Realitäten zu dienen. Aus oder über Nubien kamen die widltigsten Rohstoffe für Ägypten, hier begann der Weg nach Innerafrika, außerdem sollte die Götterbarke so weit im Süden das Einsetzen der segensreichen Nilschwelle, und mil ihr den Fortbestand seiner Königsmacht, garantieren helfen. Der große Tempel (Abb. 211) ist den beiden Hauptländesgottern Amun-Re von Theben und Re-Harachte von Heliopolis geweiht und schließt einen Nebenkult für Ptah und den vergöttlichten König mit ein, ein Bezug auf die ägyptische Trinität Re — Ptah — Amun, die Synthese Körper — Herz — Kopf. Ramses ordnete sich dem klug ein: anfangs in der Gestalt des örtlichen Gottes Horus von Meha, dann als Horus-Re-Harachte, so ließ er sich vor der Fassade seines Tempels darstellen – was erklärt, daß seine Gemahlin Nofretari dort natürlich nur als die Gottesgefährten Hathor abgebildet werden konnte und durfte
(Abb. 216).
Unterhalb der weltberühmten Fassade beherrscht die langgezogene, erhöhte Terrasse den Hof, eingefaßt von Brüstungen, vor denen die zehn genannten Königs- und Falkenfiguren, eine Weiheinschrift für den Tempel, und im Norden ganz außen Stelen zur kanonischen Regel der üblichen Tempelaufteilung stehen: für Amun die südlichen, für Horus die nordlichen Bauwerke. Hier liegt die dachlose Seitenkapelle des Re-Harachte; ihr Sonnenaltar mit kleinen Obelisken und Pavianfiguren wurde ins Museum nach Kairo gebracht. In der Südkapelle dagegen, die in den Fels getrieben ist und Gott Amun »dem Verborgenen« geweiht war — mit dem sich der König stets identifizierte — verehrt Ramses sich selbst in seiner Gotterbarke und opfert Amun und Re’-Harachte. Im 34. Jahre der Regierung von Ramses kam der Hethiter-König Chattuschili nach Ägypten, um seine Tochter Naa-hor-Neferure mit dem Ägypterkönig zu vermahlen – die »Hoch-zeitsstele« am Fuße der Kolossalfigur ganz links berichtet in alien Einzelheiten davon. Unumstritten beherrschen die vier Kolossalfiguren des Konigs die Tempelfassade, meinen exakt sein ins Göttliche transponiertes Abbild, Keka-tawy, Re-en-hekau (zerbrochen), Meri-Amun, Meri-Atum (Abb. 211), die gleichen, die der König schon am kleinen Tempel hatte anbringen lassen. Deshalb ist Ramses als Gott-König gekleidet und sitzt auf dem archaischen Thron mit der Darstellung der Vereinigung der beiden Länder an den Thronseiten, deshalb huldigen ihm Prinzen, Priester und Gefangene auf den Sockeln und bestätigen die allgegenwärtige Macht des Herrscher-Gottes.
Die Skulpturen, obgleich derart monumental, sind künstlerisch von einer bestechenden Einheitchdikeit und harmonischen Schönheit, scheinen hoheitsvoll zu lächeln und tragen nirgends etwa dvistere Züge oder Ansätze einer zu oft schon Ramses II. zugeschriebenen Dekadenz oder prahlerischen Barocks. Man wundert sich, wie es der Bildhauer bei diesen Riesenmaßen (20 m hoch, Stirn 59 cm, Nase 98 cm, Ohr 106 cm, Mund no cm, Gesicht 417 cm breit) fertigbrachte, die Proportionen zu treffen und zu prüfen, da er am alten Standort des Tempels, hart am Nil, nicht viel Platz zum Zurücktreten hatte. – Wohlgemerkt, die Figuren sind frei aus dem Felsen herausgemeißelt und nicht aufgebaut. Und trotzdem ist Ramses nicht nur idealisiert, sondern auch physiognomisch richtig dargestellt, wenn man zum Vergleich seinen Mumienschadel im Profil betrachtet. Lippen, Wangen und Augenpartien sind auffallend weich gearbeitet und wandeln so monumentale Schwere ins harmonisch Erhabene. Inschriften auf den Beinen der Königsfiguren stammen von phonizischen, jonischen, karischen Soldnern, ptolemäischen Beamten, Römern, Griechen, Arabern, Franzosen, Engländern und dem Italiener Belzoni, der den Tempel aus dem Sande gegraben hat. Ein anderer, der sich so >verewigte<, war Potasimto, Chef im Stabe der Armee von König Amasis. Eine in Assuan beim Bau des Hochdammes gefundene Stele berichtet von ihm und einem Feldzug in den Sudan. In Südfrankreich bei Limoges fand man Grabstatuetten von ihm, die vermutlich römische Legionare, nachdem sie sein Grab erbrochen hatten, als Souvenir nach Gallien mitgenommen hatten. An den Seiten der Figuren und selbst zwischen den Beinen hat der König alle seine Kinder von beiden Frauen, Mutnofret und Nofretari, darstellen lassen, soweit sie damals schon geboren waren. Zwar nimmt die Fassade den Platz des Pylons freistehender Tempel ein und erinnert an die beiden Pylontürme zu beiden Seiten des hohen Eingangs, ahmt sie aber keineswegs nach, sondern verwendet seine geboschte Form zur dekorativen Umrandung der normalerweise vor ihm stehenden Kolossal-figuren, wie etwa im Ptah-Tempel von Memphis, im Ramesseum oder den Memnons-Kolossen des Amenophis III. Die dem Bergprofil folgende Boschung stabilisiert den Druck der Steinmassen und sollte Felsrutschen oder Masseversdüebungen vorbeugen. Beim kleinen Tempel hatte man vorsichtshalber gleich sieben Stützen stehen lassen.
Hoch über dem Eingang schreitet ein falkenköpfiger Sonnengott aus der Fassade, beiderseits von ihm bringt der König im Hochrelief das User-Szepter und ein Bild der Göttin Maat dar: User-Maat-Re, der Königsname von Ramses II., das heißt, der gottgewordene König huldigt als Priester seinem eigenen Bild. Ganz oben auf dem Kranz des Pylons begrüßfit ein Fries aus 22 Pavianen mit schulterhoch erhobenen Händen die aufgehende Sonne im Osten, die Hauptrichtung der gesamten Fassade und der Tempelachse. Sie zieht mitten durch das schmale, aber höhe Portal, dessen Holztür sich einflüglig nach Norden drehte und dabei die Königstitulatur an der Tormauer verdedue. Auf dem Türsturz gibt es Szenen zur Grundsteinlegung vor versdüedenen Göttern. Was heute eintönig-sandfarben bereits beeindruckt, war früher farbig in klaren satten Grundtönen bemalt, und diese Fassade wird ihre Wirkung auf die Besucher nicht verfehlt haben.
In der ersten Pfeilerhalle (17,68 x 16,46 m) gliedern in zwei Reihen je vier 9,14 m hohe quadratische Osiris-Pfeiler mit Ardütraven den Raum in drei Schiffe (Abb. 213). Die Figuren (gemeint ist der König, mit gekreuzten Armen, Krummstab und Geißel) tragen, wie die Fassadenkolosse, den Königsnamen und den ihrer Ersdieinungsform eingemeißelt auf ihren Schultern. Die restlichen drei Pfeilerseiten sind mit Szenen zum Königsopfer, zwei sogar mit Königinnen geschmückt. Gleich an den beiden Portalseiten findet man noch einmal die Zweiteilung des Heiligtums klar verdeutlicht, einmal schlagt der König vor Gott Harachte auf der (rechten) Nordseite, einmal auf der Südseite vor Gott Amun (Abb. 214) seine Feinde nieder, und darunter strebt jeweils eine Reihe Königssöhne, beziehungsweise Königstöchter, dem Tempeleingang zu. So stellt sich also jeweils ein Tempelsektor unter die Obhut dieser Gottheiten, die in gleicher Weise südlich dem mannlichen Prinzip (hier den Prinzen), nördlich dem weiblichen Prinzip (hier den Prinzessinnen) ihren Schutz angedeihen lassen. Aus diesem Gründe steht auch der Tempel der Königin, der Göttin, des weiblichen Prinzips an sich, im Norden. An der rechten Hallenwand, dort wo die Osiris-Figuren die Doppelkrone von Heliopolis tragen, wird die Hyksos-Schlacht bei Kadesch fast dichterisch legendar und unerhört dynamisch ausgesponnen, die berühmten meisterlichen Darstellungen zum gleichen Thema etwa in Abydos, Karnak oder im Ramesseum werden weit übertroffen. Zweifellos waren ganz besonders begabte Entwerfer und Steinmetzen am Werke, die es verstanden, phantasievoll mehrmals das gleiche Motiv verdichtet zu komponieren und der unterschiedlich verfügbaren Flache anzupassen
Die »Schlacht von Kadesch« hat uns eine Seltenheit beschert, Pyay, den Namen des Künstlers, der allein oder als Leiter des Bildhauerteams, dieses Meisterwerk geliefert hat, traditionell den alten Regeln unterworfen bei der Schilderung der Götter und des Königs, erzählend, wenn es um Soldaten, Waffen, Gespanne und Lagerleben geht, lebhaft und akzentuiert in betonter Genremalerei, sollen plastisch Typen anschaulich gemacht werden. Zwei Bildstreifen decken die Südseite der Halle, Szenen aus den syrischen Feldzügen, die sich bis in die Westwand fortsetzen, und der König vor Göttern unter dem Persea-Baum, dessen Fruchte seinen Namen tragen.
Da die Pfeilerhalle dem Tempelhof zu entsprechen hatte, mußte auch ihre Dekoration dies tun, und weil die üblichen Szenen vom Niederschlagen und Darbringen von Gefangenen vor den Göttern hier nicht am Pylon offeriert werden konnten, wurden sie an die inneren Portalwande zurückverlegt. Natürlich bleibt auch im vierpfeilerigen Hypostyl die religiöse Geographic weiter bestimmend, links (südlich) Barkenprozession mit der Amun-Barke, Ramses und Nofretari, die zwei Sistren hält, beide tragen Sandalen – rechts (nördlich) Barkenprozession mit der Königsbarke und dem Pharao als Re-Harachte, dem er selbst als König die Opfergaben reicht, König und Königin barfuß. Die Türrahmen und je eine Pfeilerseite sind mit Götterdarstellungen bedeckt, die in der Regel den zum Gott erhobenen König selbst meinen. Wie die zum Hypostyl, so war auch die Tür zur Vorkammer zweiflüglig, und wie dort und in der Pfeilerhalle zieren fliegende Geier und Sterne die Decken. Interessanterweise hat man hier sogar die Götterwelt regionalgeographisch aufgeteilt: an der Nordwand Atum aus Heliopolis, Ptah aus Memphis und Thoth aus Hermopolis, an der Südwand Min aus Koptos, Horus aus Meha und Chnum aus Elephantine.
Zentral in der Tempeladise, gleichbreit wie das Mittelschiff der Pfeilerhalle, beendet nach 54,86 m Gesamtlange das Allerheiligste den Prozessionsweg im Tempel. Dort an der Rückwand sitzen, aus dem Pels herausgemeißelt (von links) Ptah – Amun – Ramses – Harachte gemeinsam auf einer Bank, und vor ihnen stand auf dem noch erhaltenen Sockel die heilige Barke, die man an beiden Wanden noch einmal dargestellt hat, südlich die des Amun, zu der Ramses raudiert und Salböl reicht, nördlich die von Ramses-Amun, der er sein eigenes Bild übergibt.
Kammartig angeordnete Seitenkammern entsprechen den Nebenräumen und Krypten freistehender Tempel, waren Magazine, Depot für Kultgeräte und Schatzkammern. Aus dem Felsen gehauene Bänke nahmen das Lagergut auf. Das Dekor wirkt hier, gegenüber den zentralen Tempelräumen mittelmafüg, dürftig und nachlässig in der Ausführung und zeigt ein deutliches Qualitätsgefälle von den südlichen zu den schludrigen der nördlidien Kammern; dargestellt ist meist der König beim Opfern von Weihegaben.
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